SGZ vor Ort

Die Alltags- und Zeitgeschichte einer Stadt zeigt sich in vielen Formen. Die Museen der Stadt Aschaffenburg stellen in der Ausstellung "Textiles Gedächtnis" Textilien in den Mittelpunkt und geben anhand der Funde einen Einblick in die jüdische Geschichte in Aschaffenburg: Toravorhänge, Toramäntel und Torawimpel ermöglichen einen neuen Blick auf das religiöse Leben der ehemaligen jüdischen Gemeinde, geben einen Überblick über die jüdische Fest- und Alltagskultur und regen auch zum Nachdenken über zukünftige Formen des Erinnerns an.
Dabei gibt die Entstehung dieser Ausstellung selbst schon einen spannenden Einblick in die Zeitgeschichte Aschaffenburgs und macht neugierig auf die Exponate, die lange Zeit unbeachtet im Depot lagen.
Lesen Sie hier dazu mehr in der Einführungsrede der Kuratorin Anja Lippert M.A. (Museen der Stadt Aschaffenburg), und tauchen Sie dann bei einem Besuch der Ausstellung ein in das „Textile Gedächtnis“ der jüdischen Kultur in Aschaffenburg.


Torawimpel (Ausschnitt) für Max Borg, Leinen, bemalt, 1898 - Museen der Stadt Aschaffenburg (Foto: Ines Otschik)

Anja Lippert M.A., Ausstellungskuratorin - Ausschnitte aus der Einführung zur Ausstellungseröffnung am 14.05.2012

„Die Kulturstadt Aschaffenburg ist weithin für ihre besonderen kulturellen Schätze bekannt: Cranach-Sammlung, Pompejanum, Korkmodellsammlung, Ernst Ludwig Kirchner und Christian Schad und allen voran natürlich der Stiftsschatz St. Peter und Alexander.
Ich persönlich bin davon überzeugt, dass heute ein weiterer Schatz dazu kommt. Ein Schatz, der ganz anders ist als alle anderen Kultur-Highlights. Der Schatz, den die Museen der Stadt Aschaffenburg Ihnen heute erstmalig präsentieren, ist weitaus unauffälliger und bescheidener, sein Wert ist nicht sofort und auf den ersten Blick zu erkennen, ein Schatz, der umfangreich erklärt werden muss und der entdeckt werden will – ein Schatz aus Stoff.
Dieser neue Schatz besteht aus Textilien, die aus dem Umfeld der ehemaligen jüdischen Gemeinde Aschaffenburgs und den jüdischen Gemeinden der umliegenden Orte stammen. Es handelt sich dabei in der Hauptsache um 2 Toravorhänge, 6 Toramäntel und insgesamt 27 Torawimpel.
(…)
Die Frage, die Sie vermutlich am meisten interessiert, wo kommen diese Objekte her und wieso wurden sie jetzt erst entdeckt:
Ein einziger Hinweis auf die Herkunft der aufgefundenen Textilien und Kultgegenstände findet sich in einem Brief im Museumsarchiv. Er stammt von Hans Schork (1890-1955), einem Museumsmitarbeiter, der in den Jahren 1938/39 für das städtische Heimatmuseum tätig war. Er schrieb am 30. Juni 1945 von Augsburg aus an seinen Bruder Hugo Schork in Aschaffenburg, damit dieser sich mit der neuen Stadtverwaltung in Verbindung setze und diese sich um die von ihm 1939 ausgelagerten Museumsobjekte kümmere. Neben Kisten mit Dammer Steingut, Goldmünzen, der Kupferstich-Sammlung des Schlosses und Gemälden von Adalbert Hock erwähnt er auch Judaika:
„Im Jahre 1939 [sic] am 10 November […] habe ich in den zerstörten Synagogen Aschaffenburg, Großostheim, Hörstein, Alzenau, Wörth, Miltenberg etc. Kultusgegenstände wie einen Altar von Hörstein, freie Thorarollen, Gebetsriemen Rabbinergewänder sichergestellt Dieselben sind nach Aufforderung der alliierten Militärregierung den Kultusgemeinden zurückzugeben.“
Eine Auflistung dieser Gegenstände konnte bisher nicht gefunden werden. Die Auswertung der Inschriften auf den Textilien hat jedoch ergeben, dass einige Objekte den Orten Großostheim, Alzenau, Hörstein und Großwallstadt zugeordnet werden können. Auch wenn auf diese Weise nur ein kleiner Teil der Objekte lokal sicher bestimmt werden kann, so ist doch sehr wahrscheinlich, dass alle Textilien aus den Synagogen der Region stammen und von Hans Schork nach der Reichspogromnacht geborgen wurden.
Wo genau die Gegenstände nach 1938 verwahrt wurden, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. 1979 werden im Depotkeller des Stiftsmuseums Kriegs-Auslagerungskisten mit Torarollen, jüdischen Textilien und Kultgegenständen ausgeräumt, gesichtet und teilweise fotografiert. Auf den Fotos ist ein Teil der Objekte zu sehen, die wir wieder gefunden haben.
Die Museumsverwaltung und das Stadt- und Stifts-Archiv nehmen Kontakt zur israelitischen Kultusgemeinde in Würzburg auf und schicken die Gegenstände zur Begutachtung dorthin. 1980 kommt ein Teil wieder nach Aschaffenburg zurück: Einige Objekte davon werden im 1984 eröffneten Jüdischen Dokumentationszentrum ausgestellt, die Torarollen mit Ausnahme einer einzigen 1986 nach religiösen Brauch auf dem Altstadtfriedhof bestattet. Die Textilien wurden in Kartons verpackt und im Jüdischen Dokumentationszentrum eingelagert. Nach 25 Jahren kommen sie 2009 anlässlich einer routinemäßigen und vorbeugenden Behandlung gegen Schadinsekten in einem Konvolut von Textilien wieder zum Vorschein.

Worin liegt die Bedeutung dieses Textil-Schatzes?
Die jüdische Gemeinde Aschaffenburg war eine der größten in Unterfranken und zählte im 19. Jahrhundert mit 700 Mitgliedern ihren höchsten Stand. Ihre Gründung geht auf das 13. Jahrhundert zurück und ist mit der Erwähnung einer jüdischen Schule 1267 erstmals dokumentiert.
Mit der Zerstörung der Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 und der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime wurde die jüdische Gemeinde 1942 vollständig ausgelöscht. 700 Jahre jüdische Geschichte in Aschaffenburg und der Region sind damit nahezu vollständig verloren gegangen. Vom Leben und Wirken dieser Menschen blieb nur wenig übrig, gemessen an Größe und Alter der Gemeinde – kann man schon fast sagen – fast nichts. Unter musealem Gesichtspunkt gesehen, waren es bislang 16 Objekte, die im jüdischen Dokumentationszentrum ausgestellt wurden und die 25 Jahre lang als die einzigen Sachzeugnisse der jüdischen Gemeinde galten. Wer hätte auch nur gewagt zu denken oder zu hoffen, dass es noch mehr geben könnte? Niemand.
Als wir 2008 von den Nachfahren der Familie Davidsburg ein kleines Ring-Etui – winzig – geschenkt bekommen haben, war ich hoch beglückt und dankbar wieder ein Objekt mehr zu haben – in dem Fall zum Thema „Geschäfte und Handel“. Das wesentliche Charakteristikum eines Museums sind nun einmal die Sachzeugnisse, die Gegenstände der Vergangenheit.
Wenn heute durch die Auffindung von Textilien und anderen Kultgegenständen inzwischen etwa 100 Objekte zur Verfügung stehen, dann ist das eine ganz besondere Chance, die Erinnerung an die jüdische Gemeinde Aschaffenburg wach zu halten. Gerade die Torawimpel bieten die Möglichkeit, eine Verbindung zu den in der Datenbank „Juden in Unterfranken“ geführten Personen herzustellen und ihre Biographie mit einem erhaltenen und ganz persönlichen Gegenstand aus ihrem Leben zu verknüpfen. Das ist für einige Namen bereits geglückt.

Ziel der Ausstellung „Textiles Gedächtnis“ ist es, diese neu entdeckten Sachzeugnisse vorzustellen und sie bekannt zu machen. Die erstmalige Präsentation soll zum Gedankenaustausch über den weiteren Umgang mit dem Judaika-Sammlungsbestand anregen.
Dazu passt gut, dass die Initiative STADTKULTUR – Netzwerk Bayerischer Städte e.V. das Thema „Stadt.Geschichte.Zukunft“ für ihr bayernweiten Kulturprojektes gewählt hat und auch die 13. Aschaffenburger Kulturtage dieses Motto aufgegriffen haben. Ziel beider Projektes ist es, das Bewusstsein für die jüngere Alltags- und Zeitgeschichte zu fördern und Perspektiven für den Umgang zu entwickeln. Es geht darum zu zeigen, wie die Menschen lebten, welche Spuren sie hinterlassen haben und was zukünftig im öffentlichen Raum sichtbar und erfahrbar sein soll.
Ich möchte mit einem Spruch meiner Urgroßmutter enden, die immer gesagt hat: „Wer nicht los geht, kommt nicht an!“. Mit der Sonderaustellung „Textiles Gedächtnis“ haben wir den ersten Schritt getan. Weitere  - so hoffe ich - werden folgen
Ich möchte Sie heute auffordern und ermuntern, sich diesen Schatz aus Stoff zu erschließen und den Menschen und ihrem Leben ein Stück näher zu kommen, die bis vor genau 70 Jahren noch eine Teil der Aschaffenburger Bürgerschaft waren. Werden Sie zu Schatzsuchern und Entdeckern der jüdischen Vergangenheit Aschaffenburgs – massel tov!"

 

Kategorien Journal

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