SGZ vor Ort

LiteraPur12 (21. - 25.05.2012) in Eichstätt -
Ein Bericht von Matthias Kozuschek

Ein Literaturfestival der Vielfalt
Mit der Lesung der jungen Lyrikerin Nora Bossong geht am heutigen Freitag das Eichstätter Literaturfestival LiteraPur12 zu Ende. Die kürzlich mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnete Schriftstellerin schließt damit ein überaus gelungenes Festival, das Literatur aller erdenklichen Formen in den Mittelpunkt stellte und aus den verschiedensten Perspektiven beleuchtete. 

Nicht nur das Programm der Lesungen war dabei abwechslungsreich: jeden Tag wurde außerdem in verschiedenen Workshops die Möglichkeit gegeben, Literatur nicht lediglich zu lesen oder zu hören, sondern vor allem auch selbst zu verfassen. Den Einstand gaben am Montag die Schweizer Jungautorin Stefanie Sourlier und ihre deutsche Schriftstellerkollegin Donata Rigg, die nach ihrem Workshop im ehemaligen Kapuzinerkloster der Katholischen Universität Eichstätt aus ihren in der Suhrkamp-Anthologie „Kartografie der Nacht“ erschienenen Erzählungen „Nacht, Bilder“ (Sourlier) und „Alte Schule“ (Rigg) lasen und dabei Stimmungen, Ängste und Gedanken zur Nacht schlaglichtartig aufleuchten ließen.


Stefanie Sourlier und Donata Rigg



Franziska Gerstenberg und André Hille  
Der Dienstag begann mit einem Kurzgeschichten-Workshop mit der Autorin Franziska Gerstenberg und André Hille, dem Leiter der Autorenschule „Textmanufaktur“: „Welche Wörter haben einen guten Klang, und warum?“, „Was macht einen guten Textanfang aus?“ und „Was ist eine gute Pointe?“ waren die Fragen, mit denen sich die teilnehmenden Nachwuchsliteraten zusammen mit den beiden Workshopleitern auseinandersetzten.

Am Abend folgte Franziska Gerstenbergs Lesung aus ihrem aktuellen Roman „Spiel mit ihr“, die durch die Kulisse des „Filmstudios“ im Alten Stadttheater Eichstätt zu einem regelrechten „Kopfkino“ wurde. Zum Ausklang wurde anschließend „Die Frau mit den 5 Elefanten“ gezeigt, ein Dokumentarfilm über die 2010 verstorbene, legendäre Literaturübersetzerin Swetlana Geier (vor allem bekannt durch ihre Dostojewski-Übersetzungen).

Mit gezeichneter Literatur befasste sich am Mittwoch ein Workshop der Künstlerin und Eichstätter Dozentin Annika Berndtsen, in dem schnell klar wurde, dass Comics und insbesondere auch „Graphic Novels“ gestalterisch wie literarisch oft höchst anspruchsvoll sind und nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern gerade auch Erwachsene ansprechen.

 
"Young Bavarian Poets"

Eine Premiere gab es am Nachmittag im Studihaus der Katholischen Universität: die Nachwuchstalente Dominik Neumayr und Gerhard Trautmannsberger, beide Studenten an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, lasen unter ihrem Kollektivnamen „Young Bavarian Poets“ Auszüge aus ihren aktuellen Romanprojekten „Ausgespielt“ (Neumayr) und „Vergangenheitspartikel“
(Trautmannsberger, bereits als E-Book veröffentlicht). Beide verarbeiten in ihren Texten auf unterschiedliche Weise die Themen Altern und Veränderung: während Neumayr einen einst erfolgreichen Kabarettisten porträtiert, ist es bei Trautmannsberger ein Treffen alter Studienfreunde, das Anlass zum Rückblick und zur Reflexion gibt.


Reflexionen und Gedankenspiele zu den verschiedensten Themen lieferten am Ende des dritten Festivaltages Annika Reich und Björn Bicker, deren Essays regelmäßig in der Sendereihe „Zündfunk-Fernschreiber“ (Bayern 2 Radio) zu hören sind.


Annika Reich, Katja Huber und Björn Bicker

Moderiert von Katja Huber philosophierten und diskutierten sie im Gasthaus „Zum Gutmann“ unter anderem über Wachstum, Wünsche, Ängste und als Beitrag zum bayerischen Rahmenfestival „Stadt.Geschichte.Zukunft“ auch über verschiedene Aspekte von Stadt und städtischem Leben: „Vor allem die berühmten Städte kommen aus dem Posen nicht mehr raus“, las Annika Reich – und meint damit, dass das Bemühen um Authentizität vieler bekannter Städte  eigentlich nur Künstlichkeit schafft. Bicker, der selbst auf dem Land aufgewachsen ist, schätzt an der Stadt vor allem ihre Vielfalt: „Ich bade in der wohligen Kompliziertheit meines urbanen Umfelds, ich staune jeden Tag darüber, wo die Leute überall herkommen, wie sie sich bewegen, was sie sagen, wie gut das alles doch eigentlich funktioniert.“ Dennoch ertappt auch er sich manchmal dabei, „Sehnsucht nach dem Land“ zu haben – „Nach zwei Tagen will ich dann aber doch wieder zurück“, so sein persönliches Fazit.

Gemessen an der Lautstärke wäre der Donnerstag als eindeutiger Höhepunkt des Festivals zu identifizieren: die Poetry-Slammer Hanz und Pauline Füg luden nach ihrem Workshop für Bühnenpoeten zum „LiteraPur“-Slam in den Eichstätter „Gutmann“ und brachten zusammen mit den auftretenden Poeten den Saal stimmungs- und temperaturmäßig zum Kochen: der außer Konkurrenz aufgetretene, neue bayerische Poetry-Slam-Meister Max Kennel besang seine Probleme mit Frauen und seine Liebe zum Bier; Gewinnerin Clara Nielsen aus Bamberg brillierte mit einem Anti-Frühlings-Gedicht – aus Sicht des Winters –, und musste in ihrem Finalbeitrag feststellen, dass früher alles besser hätte sein können – wenn man denn früher gelebt hätte (und beispielsweise als Erfinder des Rades gefeiert worden wäre).


Die Siegerin des Poetry-Slam-Abends, Clara Nielsen

 

Einen kleinen, aber präzise und eindrucksvoll arrangierten Rahmen spannte die Eichstätter Schauspielerin und Dozentin Uli Ackermann mit ihrer Projektgruppe: im Ost-Pavillon des Hofgartens präsentierten sie am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag lyrische Sprechmomente aus den Gedichten des schwedischen Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer.
Leise Verszeilen steigerten sich zu einer kollektiven und packenden Stimmgewalt, die die Zuhörer stellenweise regelrecht erschaudern ließ, ohne dass dabei auf technische Effekte zurückgegriffen werden musste – alles ganz nach dem Leitwort der beiden Festival-Organisatoren Michael Kleinherne und Christopher Knoll: LiteraPur.

 Der Blog zum Festival: http://literapur12.wordpress.com/


 

  

 

 

 

 

 

Kategorien Journal

Folgen Sie uns...

Banner
Banner