SGZ vor Ort

Vergangenes Wochenende in Pfaffenhofen a.d. Ilm:

MEI FEST im Kreativquartier Alte Kämmerei Pfaffenhofen
Stadtwandel konkret.

Ein Bericht von Sebastian Daschner, selbst Mieter des Kreativquartiers

       
        Kreativquartier Alte Kämmerei (Foto: S. Daschner)

„Mei Fest“ hieß das Fest im Rahmen von Stadt.Geschichte.Zukunft, welches das vor kurzem durch den Neuen Pfaffenhofener Kunstverein initiierte und verwaltete Kreativquartier Alte Kämmerei ausrichtete. Über 200 Besucher interessierten sich für das umfangreiche Programm, mit dem die Mieter des Kreativquartiers sich mit dem Thema Stadtwandel zwischen Vergangenheit und Zukunft auseinandersetzten und ihren eigenen Beitrag zu Stadt.Geschichte.Zukunft in Pfaffenhofen verwirklichten.

Die Alte Kämmerei bietet sich für das Thema geradezu an: Denn wo seit kurzen mitten in der Stadt in einem temporären Projekt über ein Dutzend Kreativer aus den Bereichen Graphik und Design, Restauration, bildender Kunst und Musik arbeiten, waren zuvor über die Jahre hinweg verschiedene kommunale Einrichtungen wie Arbeitsamt, dann Einwohnermeldeamt und schließlich Stadtkämmerei angesiedelt. Ein Ort also, der per se den Wandel der Städte versinnbildlichen kann und der damit ideal für eine Veranstaltung war, die verschiedenste Einflüsse und Traditionen verband. Mit ihrem Programm versuchten die im Haus ansässigen Kulturschaffenden damit auch eine Brücke zwischen Tradition und modernen Entwicklungen zu schlagen. 

Auch Künstler halten regionale Traditionen hoch und pflegen sie: Zentralen Bestandteilen der mittlerweile weltweit bekannten bayrischen Festkultur widmete sich der Auftakt von „Mei Fest“: der Weisswurst in Verbindung mit traditioneller bayerischer Blasmusik. Den Genuß des heimlichen Nationalgerichts umrahmten die „Holledauer Biefescheisser“, die ganztägige Bewirtung des Biergartens im Hinterhof übernahmen die Mieter des Kreativquartiers.

  Holledauer Briefescheisser (Foto: Christian Spanheimer, Kreativagentur Freiformat)

Eine Tradition anderer Art griff hingegen der Vorsitzende des Heimat- und Kulturkreises Frieder Leipold, selbst Mieter des Kreativquartiers, zusammen mit Stadtarchivar Andreas Sauer auf: Die Kulisse der Ausstellung des Internetprojekts www.stadtgeschichte-pfaffenhofen.de nutzend, brachten sie den Besuchern in einer kleinen, multimedialen Ausstellung 100 Jahre Kino in Pfaffenhofen, und damit einer wichtigen Neuerung der Alltagskultur im 20. Jahrhundert allgemein, näher. Herzstück war die Vorstellung des neuen Bands der „Pfaffenhofener Stadtgeschichte(n)“ von Stadtarchivar Andreas Sauer zum Thema, flankiert von einer Sammlung einiger Originaluntensilien wie Filmprojektor oder Kinosesseln von Pfaffenhofener Kinos sowie der Vorführung eines Stummfilms aus den Zwanziger Jahren, originalen Werbedias und Mitschnitten von Erinnerungen von Zeitzeugen.

Dass jedoch nicht nur die Darstellung der Alltagskultur Teil des multiperspektivischen Bilds der Geschichte einer Stadt sein sollte, sondern auch die sogenannte Untergrundkultur hinzu gezählt werden muss, zeigte Frieder Leipold mit einem anderen Beitrag. In einer als Podiumsgespräch gedachten Runde vermittelte Frieder Leipold mittels Zeitungsauschnitten und „historischen“ Flyern zusammen mit dem Zeitzeugen und Initiator „Blab“ ein lebendiges Bild von den Chaostagen Pfaffenhofen, einer Reihe von Punk-Veranstaltungen Mitte der Neunziger Jahre in Pfaffenhofen – ganz im Sinne des damaligen Zeitgeistes, die es auch bundesweit szeneintern zu einiger Berühmtheit brachten, unter anderem weil diese (ohne Anlaß, wie dies die Zeitzeugen beteuerten) radikal durch die Polizei unterbunden wurden.

Frieder Leipold und "Blab" über Punk in Pfaffenhofen (Foto: Christian Spanheimer, Kreativagentur Freiformat) 

Für das künstlerische Rahmenprogramm sorgten pädagogische Projekte abseits von schulischen Lehrplänen: Andreas Dill, ebenfalls ein Mieter des Kreativquartiers, zeigte Interessierten Grundlagen des Sprühens in einem kleinen Graffiti-Workshop und auf der Bühne zeigten die Schüler des Musik-Workshops der Boomtown Raps einige Stücke ihres Repertoires und sorgten dabei für Unterhaltung im Biergarten im Hof.

Das Finale des „Mei Fests“ bildete jedoch das Open-Air-Konzert der 2010 mit dem bayerischen Kulturpreis ausgezeichneten Brüder Rainer und Thomas Gruber. Ihre musikalische Herkunft aus der bayrischen Volksmusik erweitern die beiden Musikern mit internationalen Einflüssen und kreieren dabei mit ihren eher traditionellen Instrumenten Akkordeon/Gitarre und Hackbrett eine moderne Musik mit weltmusikalischem Einschlag.
Der sonst eher triste städtische Dienst-Parkplatz, der den Hinterhof der Alten Kämmerei bildet, verwandelte sich während ihres Auftritts durch die musikalisch gekonnt transportierten Stimmungen der instrumentalen Stücke zum Konzertsaal, dessen Atmosphäre die über 80 Zuschauer sichtlich gefangen nahm. Ein sonst eher als Sorgenkind zu bezeichnender Fleck der Innenstadt und der Stadtplanung gewann dadurch, aber auch durch das Mei Fest insgesamt, eine neue, zum positiven gewandelte Bedeutung und einen neuen Nutzen.

Gruber & Gruber (Foto: Christian Spanheimer, Kreativagentur Freiformat)  

Das Mei Fest am und im Kreativquartier Alte Kämmerei begeisterte mit seinem Programm damit nicht nur die zwar überschaubaren, jedoch nichts desto trotz begeisterten Besucher, sondern es zeigte auch auf, was ein so verstandener Wandel der Stadt enstehen lassen kann: Eine Bündelung von kreativen Energien und von unterschiedlichen Perspektiven, die als Bereicherung und Impulsgeber für das kulturelle Leben der Stadt, insbesondere der Innenstadt, ein Modell für die Zukunft sein kann.

 

 

Kategorien Journal

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