Nachgefragt
Urban knitting in Neuötting

Die Bildende Künstlerin Andrea Unterstraßer
im Gespräch                                                              

Bei Ihrem Projekt in Neuötting im Rahmen von Stadt.Geschichte.Zukunft steht die Kunstform „Urban Knitting“ im Mittelpunkt. Könnten Sie diese kurz definieren?
Wir haben aus dem „guerilla knitting“, wie es ursprünglich in der Street Art-Szene aufgetaucht ist, „urban knitting“ gemacht, weil wir ja nicht heimlich im Untergrund arbeiten. Wir setzen uns in den öffentlichen Raum, und verwenden als Kunstmittel die Strickerei, die Häkelei und die Wolle. Der öffentliche Raum wird in Besitz genommen, man macht sich bemerkbar, etwas wird temporär (unbeschädigt) verändert, etwas kann verbessert oder gar verschönert werden, frei nach dem Motto „hier und jetzt bin ich da“.

Letztendlich geht es darum, seine Stadt und seine Umgebung bewusst wahrzunehmen, dafür Sorge zu tragen, dass dieser Ort lebenswert sei und zu sagen: Ich kümmere mich, wie meine Umgebung aussieht und lasse bspw. meinen Müll nicht einfach fallen. Seit geraumer Zeit tauchen eben auch bunte und fröhliche Wolltextilien im öffentlichen Raum auf, die andere Leute schon mal zum Staunen und Schmunzeln bringen.

Welche Rolle spielt diese Form in Ihrer Arbeit, für Sie als Künstlerin?
Ich komme eigentlich aus der Malerei, habe aber dann durch meine Kinder die Erfahrung gemacht, dass die Zeitfenster viel zu klein werden, um sich Bildern angemessen zu widmen. So habe ich mir überlegt, dass ich etwas Handwerkliches dazu nehmen müsste, um auch kurze Zeiten nutzen zu können. Über Arbeiten gemixt mit Stickerei, einer Art „Zeichnen mit dem Faden“ wurde ich auf „guerilla knitting“ aufmerksam – die gestrickten Farbblöcke kommen meinen Arbeiten sehr nahe. Und stricken kann ich auch abends auf dem Sofa, wenn der Kopf schon zu müde zum Denken ist.

Stricken ist also für Sie eine Art Malerei – bloß mit einem anderen Material?
Wolle gibt es in so vielen Farben! Ich stoße mit diesem Medium sogar in eine bereits lange vorher gesuchte Dreidimensionalität vor: Wie kann Malerei  von der Wand in den Raum hinein, wie kann sie nach draußen?

Stricken als Kunstform war dann ein „Aha“-Erlebnis. Ich verfolge das Thema nun seit 3 - 4 Jahren und forsche auch im Atelier mit Textil, um nicht nur bereits Bekanntes aufzugreifen. Dabei habe ich ganz schnell gemerkt, dass man in dieses Thema auch Interessierte mitnehmen kann. Es ist für mich ein sehr interessanter Weg, Kunst sichtbar, spürbar und erfahrbar zu machen – der Künstler arbeitet nicht mehr allein im Atelier und setzt dem Betrachter Geschaffenes vor. In der Partizipation und Interaktion erreiche ich viel mehr Menschen, wie im Auftreten als alleiniger Autor.

Sie haben „Urban Knitting“ nun nach Neuötting gebracht. Wie entstand die Idee und wie kam Ihr Projekt dort an?

Ich hatte mir ursprünglich eine Begleitveranstaltung zu meiner Ausstellung überlegt, die im Stadtmuseum gezeigt wurde. Just in dem Moment hatte STADTKULTUR sein Projekt Stadt.Geschichte.Zukunft vorgestellt und so wurde beschlossen: Das gliedern wir als eigenständiges Projekt aus

Trotzdem boten wir während der Kunstausstellung an: Komm, wir stricken das Museum ein! Das wurde kaum wahrgenommen, außer dem Mützchen der Nikolausfigur vor dem Museum. Das ist doch einigen aufgefallen, die dann empört ankamen: Was ist hier los?


Als wir dann in das Projekt Stadt.Geschichte.Zukunft eingebettet und auch mit der Strickliesel in der Schule angefangen haben, sprang der Funke über: Jeder wollte mitmachen. Deswegen haben wir unser ursprüngliches Konzept im Laufe der Zeit angepasst. Es wurde phantastisch von denNeuöttingern aufgenommen. Etliche kannten „guerilla knitting“ sogar aus dem Internet oder aus Zeitschriften. So kam auch ein Junge von vielleicht 12 Jahren, der extra deswegen stricken lernte. Er hat eine Manschette für einen Pfosten gemacht und trat begeistert als „Street Artist“ in Erscheinung.

Kinder und Jugendliche, die vielleicht bisher noch nie etwas mit Stricken und Häkeln zu tun hatten, konnten sich also auch dafür begeistern?

Und ob! In den Schulen bemerkten die Lehrer, dass Kinder, die nicht stillsitzen können, dies mit der Liesel sehr wohl konnten. Oder dass Kinder, die wenige Angebote von zu Hause aus zur Freizeitgestaltung bekommen, sich wirklich gerne damit beschäftigt haben. Ein Junge lieselte über 170 m der Wollewonneschlange alleine. Da steckte sehr viel Leidenschaft und Energie dahinter und er wird nie vergessen, dass er auch einmal der Beste war und auch als „König“ von mir einen (Strick)Orden bekam.

Die Aktion hat unglaubliche Wellen geschlagen: Leute, die nicht mehr in Neuötting wohnen, haben sich inspirieren lassen und per Post Sachen geschickt; Nachbarsorte haben sich gemeldet und gefragt, ob sie auch „mitlieseln“ dürfen. Die Presse hatte alles umfangreich begleitet. Mit soviel Erfolg hatten wir nicht gerechnet.

Es ist natürlich gerade auch für die Kinder und Jugendlichen ein tolles Erlebnis, dass sie selbst etwas ausstellen, dass ihr Werk im öffentlichen Raum wahrgenommen wird.


Sie wussten von Anfang an: Die Schlange wird für alle sichtbar am Stadtplatz angebracht. Das war eine große Motivation. Wir haben unser Projekt sehr begleitet und eine große Uhr am Stadttor angebracht. Daran konnte jeder wöchentlich den Stand der Länge der Strickliesel-Schnur ablesen und So konnte jeder sehen: Jetzt haben wir schon 700 m, jetzt schon 1000 m, usw. und war auf diese Weise mit dabei.

Generationenübergreifend konnten wir übrigens auch Senioren gewinnen, nicht nur Kinder. Es gibt in Neuötting drei bis vier Häuser – betreutes Wohnen, Pflegestift, Seniorenzentren – die dort in Gruppen das Thema aufgenommen haben und teils ihre Häuser mit gestrickten Werken bestückt haben.

Können Sie schon ein Resümee ziehen: Was hat diese Kunstaktion im Umgang mit dem Lebensraum Stadt bewirkt?
Neuötting verfügt über eine sehr schöne kleine Altstadt. Man geht sehr gerne hin, findet nette Geschäfte und sitzt im Cafe. Es wurde liebevoll hergerichtet. Ich kenne den Ort noch von früher, da ging die Straße wie eine Autobahn über den Stadtplatz.

Ich denke, dass gerade mit diesen Strickgeschichten noch einmal bewusster wird, wie schön der Ort eigentlich ist. Man schaut zudem genauer hin, geht schon mal in eine Seitengasse, die nicht so adrett dasteht, weil seit den 60ern auch viel renoviert und umgebaut wurde und einiges nicht mehr im ursprünglichen Zustand verblieb wie am Stadtplatz selbst. Nun sprechen die Anwohner und Besucher darüber: „Ach ja, da hängt ja auch was; das passt sogar farblich zum Haus!“ Und: „Du hast auch mitgemacht? Ich finds ja total lustig!“

Es regt zur Kommunikation an?

Jeder Teilnehmer bekam einen „strick mit“-Button und man sprach darüber wie über das Wetter. Deswegen bieten wir auch die Stricktreffs an, wo man sich noch länger zwanglos zum Stricken treffen kann. Viele Materialspenden ergaben einen reichen Fundus, der Lust und Laune macht, zuzugreifen und ohne großen Anspruch sich einfach einer kleinen Sache zu widmen – wobei einige Leute schon seit einiger Zeit an Stücken sitzen, um große Objekte einzuhüllen.

Am 28.07.2012 gibt es das Finale von „Urban Knitting in Neuötting“. Was passiert da?

Ich greife Fingerstricken auf, und will dabei mehrere Teilnehmer „zusammenbinden“. Dabei liegen bei jedem Stricker vier Maschen auf der Hand, sprich den Fingern, und ich brauche viele Hände nebeneinander. Dabei stehen wir im Brunnenbecken am Mittelpunkt des Stadtplatzes und wollen versuchen, zusammen das Podest des Brunnens in einem Stück live einzustricken, ganz bunt und verrückt – im Endeffekt ist es eine Kunst-Performance: Wir machen zusammen etwas Ungewöhnliches, jeder Einzelne ist Urheber und muss trotzdem mit anderen kooperieren. Wir wollen so eine besondere Erfahrung ermöglichen.

Was passiert danach? Es ist ja doch eine vergängliche Kunstform?
Es wird eine Zeitlang zu sehen sein und dann wieder rückgebaut, denn eigentlich ist es verboten, im öffentlichen Raum ungefragt etwas zu verändern. Die Teile werden aber mit der Zeit sowieso etwas unansehnlicher. Es vergraut, lockert sich und kann verrutschen. Damit geht auch das Schöne wieder verloren. Wir nehmen eine temporäre Veränderung vor und bauen sie wieder zurück. Ich denke aber, dass es in der Erinnerung lange nachhallt. Gut möglich, dass zukünftig immer wieder Objekte auftauchen und verschwinden.

Zum Abschluss der Bezug zur Stadt der Zukunft: Wohin geht eine Kleinstadt wie Neuötting und welche Rolle spielt die Kunst dabei?
Neuötting ist eine recht kleine Stadt. Ich denke, dass es eine typische Kleinstadt ist, die einen bestimmten, recht konstanten Level haben wird, an Einwohnern, an Besuchern, an Wirtschaftsfaktoren. Ein umfangreiches Kulturangebot erhöht die Attraktivität und Lebensqualität und über Projekte stärkt man die Identität mit seiner Umgebung sowie das Leben in dieser Gemeinschaft. Sonst suchen die Jugendlichen, die im ländlichen Bereich heranwachsen, das Abenteuer, die Kultur und das Inspirierende woanders – nur um über den Tellerrand endlich hinausschauen zu können. Es wäre sehr schade, wenn diese Orte ihre kulturell interessierten, gebildeten, wissbegierigen und kreativen Menschen durch Abwanderung verlieren.

Partizipative Kunstaktionen fördern somit auch die Identifikation mit dem eigenen Lebensraum.
Frei nach dem Motto: Das haben wir hier auch, wir müssen nicht woanders suchen! Ich selbst bin ein Landflüchtling und hatte meinen persönlichen Blickwinkel: Alles war zu klein, zu wenig und etliches zu weit weg. Deswegen finde ich es wunderbar, dass Projekte wie dieses gerade in ländlicheren Gebieten und kleineren Orten stattfinden. Aber: Man darf nie zu viel erwarten!

Es ist Ihnen sehr wichtig, die Menschen mit Ihrer Kunst zu erreichen?
Ja, das ist auch ein für mich entscheidender Aspekt des „urban knitting“: Es ist Kunst vor und mit Publikum. Niemand muss extra in eine Ausstellung gehen, sondern man setzt Kunst mit einem einfachen Mittel an frequentierte Orte. Dabei kommt ein interessanter Effekt ins Spiel: Kunst ist nicht immer schwer oder unverständlich und setzt Wissen voraus, Kunst kann Spaß machen! Kunst kann auch etwas Einfaches sein, und man nimmt Aspekte aus Fragestellungen in der Kunst ganz nebenbei über eine gestrickte Manschette am Laternenpfahl mit: Etwas Bekanntes ist in einen ungewohnten Kontext eingebettet, unweigerlich tauchen Fragen dazu auf, man denkt darüber nach, schaut genau hin, redet darüber.

„guerilla knitting“ oder Street Art im Allgemeinen hat einen anerkannten Kunstfaktor: Man verändert, man verrückt den Blickwinkel, man benutzt ein einfaches Medium und erreicht damit den Passanten, der sonst vielleicht nie in die Kunst hinein findet oder hineingefunden hat. So werden Berührungsängste abgebaut, besonders in Hinblick auf die nächste heranwachsende Generation: Das kann Kunst sein, ich kann Kunst sogar mit ausführen, und es ist nicht etwas furchtbar schweres, das ich nicht beherrsche. Das ist mir sehr wichtig: Kunst kommt zum Publikum, Kunst kann jeden erreichen.

Das Gespräch führte Lisa Hauke.  
Weitere Infos und Berichte zum Projekt in Neuötting finden Sie auch im Blog von Andrea Unterstraßer

 

Kategorien Journal

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