SGZ vor Ort

Einheimische und zugereiste Frauen aus Miesbach haben sich in einer Schreibwerkstatt organisiert und sich mit Auge und Ohr, Gefühl und Verstand auf das Thema "Heimat" eingelassen. Die Texte, die dabei entstanden sind, wurden gestern in Miesbach gelesen und in der Broschüre "Heimat aus unserer Sicht" veröffentlicht. Lesen Sie hier eine kleine Auswahl:

SILVIA ANGELA HARTL, Waakirchen

Marienstein einst
Ich fühl mich wohl in unserem Dorf.
Es war das erste Jahr für mich in dieser kleinen, 1911 erbauten Schule, in der ein Lehrer gleichzeitig zwei Klassen und mehr unterrichtete und jeder jeden kannte.
Die Tische mit integrierten Holzbänken zeigten Schnitzereien von gelangweilten Schülern, die ihr schweres Schicksal während des Ersten und Zweiten Weltkrieges noch nicht ahnten.  In der Mitte der schrägen Schreibfläche befand sich eine Öffnung für das gläserne Tintenfass, das man natürlich in der ersten Klasse noch nicht brauchte. So blieb der Metalldeckel geschlossen und das Gefäß leer. Tafel und Kreide und später Bleistift und Heft waren schon Herausforderung genug. In der Pause brachte mir Bubal Opa öfter mal eine Breze, damals etwas ganz besonderes, an die Buchenhecke des Schulgeländes.
Wir wohnten nur drei Häuser entfernt und der Breznlieferant, die Bäckerei Stöger, befand sich genau gegenüber von unserem Haus, nur getrennt durch die Straße und das Bahngleis, die mitten durch den Ort führte. Die schwarze, kohlenbetriebene Lok Marienstein II mit den roten Speichen der Räder schnaubte rauchspukend bergan: Pf; pf; psch; pf; pf; psch; pf; pf; psch. Wenn ich im Bett lag, passierte es öfter, dass die Fensterscheiben klirrten und das Haus  vibrierte, weil entweder der Zug  Kohle abtransportierte oder Lastwagen ihre Ladung vom Zementwerk holten.
Damals erlebte der kleine Ortsteil Marienstein eine Blüte. Waren es 1939 noch ca. 2900 Einwohner gewesen, so stieg die Zahl 1950 auf ca. 4300 in ganz Waakirchen. In unserem Dorf gab es sechs Lebensmittelläden, da Stöger, wie gesagt die Bäckerei und da Maurer, hier musste man sehr lange warten, denn bis die Kunden alles ausgeratscht hatten, das dauerte. Außerdem hatte Lina Wasser in den Beinen und konnte nicht so schnell gehen. Da Konsum, gleich gegenüber vom Maurer hatte immer frisches Obst. Da  Nebe, der schon vor dem ersten Weltkrieg existierte, war der tollste Laden. Seine dunkel gebeizten Eichenregale vom Boden bis zur drei Meter hohen Decke, die teilweise mit Waren gefüllt oder aber deren Schubkästen nur durch ein Messingschild ihren Inhalt preisgaben, verursachten in mir ein Gefühl von Winzigkeit. Die Registrierkasse war ein verschnörkeltes Monster. Dann die Frau Krainhöfer, die zwei Lebensmittelläden im Zementwerk besaß.
Zusätzlich zu diesen Geschäften gab es: an Metzger Meier, für eine Wiener lohnte es sich mitzugehen. die Frau Haidl mit ihrem Zeitschriftenkiosk, in dem auch alle unsere Schulsachen gekauft wurden. Ihre Spezialität an manchen Sommertagen: selbstgemachtes Sahneeis, die Kugel ein Zehnerl. Oft habe ich meinen Vogt Opa auf der Strasse angebettelt: Opa hast a Zehnerl für a Eis. Manchmal hatte Opa kein Zehnerl in seinem leeren Geldbeutel. Mein erstes Bilderbuch “Die Waldschule” hatte Bubal Oma auch bei Frau Haidl gekauft. Zwei Wirtschaften, ich kenne nur eine von innen, und der Cola-Rausch, den ich darin mit sechs Jahren hatte, wird mir immer unvergessen bleiben. Ein Friseur, ein Zahnarzt, der mir nicht wehtun wollte und meinen ersten Stockzahn links unten so lange einpinselte bis er totgepinselt war, ein Postamt, die Klara, die Postbeamtin war gleichzeitig der Briefträger, eine Näherin, ein Schuster, die Schule.
Hier strandeten einige der Flüchtlinge, die nach dem Krieg ihre Heimat verloren hatten. Marienstein, das Berg- und Zementwerk gaben ihnen Arbeit, Unterkunft und neue Hoffnung. Es wurden Wohnblöcke gebaut oder die Bergleute konnten zu günstigen Konditionen Häuser erwerben. Die harten und gefährlichen Arbeitsbedingungen und der geringe Lohn waren damals kein Thema. Die winzig kleine Kapelle auf dem Weg vom sogenannten “Koinschacht” ins “Zementwerk” verursachte in mir ein Schauern. Hier wurden die verunglückten Kumpel aufgebahrt bis sie geholt werden konnten. Immer, wenn wir daran vorbei mussten, tastete ich nach Oma’s Hand und ging mit geschlossenen Augen an dem kleinen Kircherl vorbei. Man konnte ja nie wissen. Auch dass der Schadstoffausstoß durch Kohleabbau und Verarbeitung des Specksteins zu Zement die Umwelt verpestete ärgerte die Frauen nur am Waschtag, wenn sie die Leintücher im Freien trockneten.
Wenn es draußen kalt war, stand Oma schon sehr früh auf, heizte den Kohleofen ein, wärmte das Waschwasser für mich und wenn ich aufstand war die kleine Küche bullig warm. Der Milchkaffee wartete schon und nach dem Frühstück ging es auf in die fünf Minuten entfernte Schule.

Marienstein jetzt
Im Laufe der Jahre konnte ich mitverfolgen wie sich der kleine Ort Marienstein veränderte.
Durch die Schließung der Grube wurde das Industriegleis nicht mehr benötigt und abmontiert. Ein grünes Rasenband schlängelt sich nun parallel zur Straße durch den Ort. Das Zementwerk blieb noch ein paar Jahre in Betrieb, wurde aber dann auch geschlossen. An das Bergwerk erinnert noch die riesige Abraumhalde am Ortseingang, die sich die Natur schon zur Hälfte zurückerobert hat. Ein Hunt, gefüllt mit Kohle steht in der Ortsmitte neben der ehemaligen Schule als Erinnerung an das Bergwerk. Die Luft wurde sauberer und Marienstein war zu einem reinen Wohnort geworden. Es gab sogar einige Münchner, die ihren Lebensmittelpunkt in die bayerische Pampa verlegten. Die Einwohnerzahl blieb zwar annähernd gleich aber die Kinder wurden weniger; was zur Folge hatte, dass die Schule geschlossen wurde. Die Mariensteiner Kinder mussten nun im drei Kilometer entfernten Waakirchen ihre Köpfe anstrengen. Die wachsende Mobilität der Leute brachte es mit sich, dass die Einwohner in den größeren Lebensmittelläden weiter entfernt ihre Einkäufe tätigten. Der Nachteil: alle Mariensteiner Geschäfte wurden nach und nach aufgegeben. Es ist nichts mehr vorhanden, was zur Versorgung der Einwohner dient. Zweimal pro Woche fährt ein mobiler Bäcker das Zementwerk und den Kohlenschacht mit frischen Semmeln, Brezen und Brot an. Die Einwohner ohne Auto sind  entweder auf öffentliche Verkehrsmittel oder die Hilfe anderer angewiesen. Ein paar Firmen, die sich am ausgewiesenen Industriegebiet des ehemaligen Bergwerksareals oder Zementwerks angesiedelt haben sichern einige Arbeitsplätze. Die meisten Mariensteiner pendeln nach München, Bad Tölz, Miesbach, ins Tegernseer Tal oder sogar nach Wolfratshausen.
Immer wenn ich an dem kleinen Haus vorbeifahre, in dem ich aufgewachsen bin, erinnere ich mich an die Liebe und Geborgenheit, die ich darin erfahren hatte.


JULIA PAUL, Tegernsee

Edelweiß
Mein erster Kontakt mit einem Edelweiß ereignete sich, als ich etwa vier Jahre alt war. Eine Bekannte kaufte mir ein Paar Schuhe aus dickem, rotem Leder mit kräftiger Sohle und einem Edelweiß aus Metall an den Schnürsenkeln. Ich liebte diese Schuhe – zumindest zum Zeitpunkt des Kaufs, danach verschwinden sie irgendwie aus meiner Erinnerung – allerdings wegen des roten Leders, das Edelweiß war mir ziemlich egal.
Ich empfand das Edelweiß auch später nie als nennenswerten Bestandteil der bayrisch-alpinen Lebensart, eher manifestierte sich bei mir die Einstellung; Edelweiß, vor allem als Schmuck, sind was für Preiß’n und Münchner. Großzügige Ausnahmen mache ich mittlerweile für einen  - englischsprachigen – Song meiner Vorarlberger Lieblingsband und das Brandzeichen der bayrischen Haflinger und Kaltblüter. Aber das war's dann auch schon. Dachte ich. Bis ich eines Tages im ICE nach Berlin saß und wir das Terrain um Nürnberg in nord-östlicher Richtung verlassen und mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf schoss: „Sollte ich mal in den Norden heiraten, will ich zumindest ein Edelweiß im Brautstrauß, oder als Schmuck im Haar, damit die auch sehen, woher ich komme.“
Dazu muss man wissen; ich mag Bayern zwar gerne, aber ich halte mich nicht für wahnsinnig bayrisch. Ich rede Hochdeutsch oder Englisch, aber nur selten Bayrisch und dann meistens unter Alkoholeinfluss. Ich habe es durch Kombination verschiedener Lebensmittelunverträglichkeiten geschafft, gleichermaßen auf Bier, Brezn und Weißwürscht allergisch zu sein und zu allem Überfluss macht mir das gar nichts aus, da ich lieber Lasagne und Salat esse und Wein dazu trinke. Oder Tee. Ich kann ein wenig thüringisch und schwäbisch fließend in Wort und Schrift. Was ich damit sagen will ist: Bayern ist auf mich als Tochter des Landes vermutlich nicht gerade stolz, oder wenn, dann auf diese „Ja mei, sie war halt scho immer a bissl anders“- Art und Weise. Und das bin ich auch. Bis ich die Landesgrenzen in nördlicher Richtung verlasse und der von mir so benannte Edelweiß-Effekt auftritt.
Plötzlich rede ich Bayrisch und zwar ausschließlich, schwärme von den Bergen, der Natur, dem Essen – ja sogar vom Tarifsystem der MVV! Und zu letzterem gibt’s ja nun wirklich keinen Anlass. In Berlin fragte ich einmal einen Polizisten nach dem Weg, der lächelte mich an und sagte: „Ah, du bist aus München, wa?!“ Und ich? Ich sagte: „Ja.“
Und im Nachhinein – im akuten Fall des Edelweiß-Effekts hält man sein Verhalten ja für völlig normal – wird mir klar, dass da plötzlich die wahre Bindung zur Heimat zum Vorschein kommt. Wie so oft im Leben erst dann, wenn man sie verlässt. Was wäre ich auch, wenn nicht bayrisch? Gut, gegen italienisch hätte ich nichts einzuwenden, aber die Italiener vermutlich schon.
Im Endeffekt können wir uns distanzieren wie wir wollen; wir werden immer eine Heimat haben, ob sie uns passt, oder nicht.


Das Heft mit allen Texten ist erhältlich bei:  
edition miesbach / Isabella Krobisch
Bergwerkstr. 25 e / 83714 Miesbach
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.   -  Tel. 08025 7000-20
Preis 7,80 €
In Kürze auch über den Buchhandel bestellbar - ISBN 978-3-00-038533-9

Fotos: Isabella Krobisch

 

Kategorien Journal

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