Literatur Update 2012



Die 10 ausgezeichneten Autorinnen und Autoren des Prosawettbewerbs heute.gestern.morgen der Literaturstiftung Bayern im Porträt, inklusive Leseprobe - diesmal: Lene Albrecht 

"Beim Schreiben begleitet mich meist eine Neugier. Oder besser: Ich brauche die Neugier, um überhaupt mit dem Schreiben zu beginnen, denn im Prozess des Schreibens werden Bruchlinien sichtbar, trage ich Schichten ab, erforsche ich Leerstellen und Zwischenräume, um am Ende bei einer anderen Geschichte heraus zu kommen und wieder von vorn zu beginnen." (Lene Albrecht)

 

Lene Albrecht, geboren 1986 in Berlin, studierte Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder). Sie verbrachte mehrere Monate in Neuseeland, Frankreich und Togo, wo sie mit jungen Frauen Theater spielte. Veröffentlichung von Kurzgeschichten u.a. in der Literaturzeitschrift Macondo. 2010 wurde sie zum Hattinger Förderpreis für junge Literatur eingeladen. Zurzeit lebt und arbeitet sie als freie Autorin, Schreibvermittlerin und Kellnerin in Berlin. 2012 wird sie voraussichtlich das Studium am DLL aufnehmen.

Lene Albrechts Kurzgeschichte Eingemachte Bronze nach dem Fall spielt im Berlin der Nachwendezeit: Eine Frau mit Liebeskummer verliert sich im Apfelmuskochen, während das sozialistische Denkmal vor ihrem Fenster entfernt wird ... 


Eingemachte Bronze nach dem Fall

Mit den Äpfeln hat es angefangen. Vor meiner Tür stapeln sich Eimer mit mehligen Äpfeln und ich koche sie ein, bis ein Mus daraus wird. Anschließend fülle ich es in Gläser ab. Die Nachbarin bringt jetzt jeden Tag welche. Wohin damit, frage ich sie nicht. Ich staple die Gläser auf der Spüle, in den Schränken, auf dem Linoleumboden, bis ich keinen Schritt mehr tun kann.

Ich stehe an der Spüle und drehe den Holzlöffel immer im Kr-ei-ei-eis, bis ich selbst zu Mus werde und mich jemand dreht, immer im Kr-ei-ei-eis. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich auf die Hohenschönhauser blicke; verglaste bunte Welt in Aufruhr, kleine Punkte ohne Gesicht hüpfen von einer zur nächsten Ecke. Wenn ich geradewegs vom Herd aus dem Fenster schaue, schaue ich in die aufgebuddelte Erde am Fuß des Volksparks. Jungen spielen Fußball. Ich warte, dass sie fallen. Aber sie sind jung und tanzen durch das Gras, als wenn nichts sei, als wenn dort nie etwas gewesen sei und auch das Loch schon gar nicht mehr da ist. Bald werden sie es zuschütten.

Ich setze mich zwischen die Einmachgläser am Boden und starre auf das Muster des Linoleumbodens, folge den schwarzen Schlieren bis zum Heizkörper und schütze meinen Blick vor dem Nichts hinter dem Fensterglas.

Einmal war der Heizkörper noch weiß, jetzt hat sich Staub darauf gesetzt, so dick, dass nur noch Grau bleibt. Einmal ging draußen ein stiller Wind, der hat uns bewegt. Der hat uns durch den Park geblasen, und der, der an meiner Seite lief, in meine kalt gefrorene Faust. Er hat sie zwischen seine Hände gelegt und warmen Atem hinein geblasen. Wir haben uns auf die Parkbank gesetzt und auf das Denkmal gestarrt wie kleine Kinder in ein Bilderbuch.

... der komplette Text bald bei allen eBook-Händlern in einer Anthologie von

LITERATUR UPDATE 2012 wird unterstützt von SCHWINDKOMMUNIKATION

 

 

Kategorien Journal

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