Literatur Update 2012



Die 10 ausgezeichneten Autorinnen und Autoren des Prosawettbewerbs heute.gestern.morgen der Literaturstiftung Bayern im Porträt, inklusive Leseprobe - diesmal: Tobias Roth

"Die Biene ist immer wieder als Wappentier des Schreibenden eingeführt worden. Das unterschreibe ich mit aller Leidenschaft. Wenn ich den Herold meiner selbst spielen sollte (erheblichste Verzerrung), würde ich die Biene ausrufen und darauf achten, dass man mein Wappen nicht mit dem der Familie Barberini verwechselt: es sei denn, man ließe mich in der Via delle Quattro Fontane 13 in Rom einziehen. Dafür wäre ich bereit, so einiges zu tun. Nicht aber folgendes: zu verschweigen, dass ich die Biene mit vielen teile, dass die Biene sich in Teilung vervielfältigt, dass die Biene Unabhängigkeit und Authentie leugnet, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt, aber ebenso wenig alte Bienen oder auch nur verwechselbare; und dergleichen mehr.

Würde ich es verschweigen, würde ich mich an diesem Wappentier versündigen und müsste mich fügen in jene Schwundstufen aus drei farbigen Balken. Die Biene ist eine Reihe und webt ihre Waben abseits alltäglicher Zeit. Ein Ausschnitt aus der Reihe, wie es mir derzeit besonders schmeckt, lautet: [...] und Francesco Petrarca (Familiares, I, 8) sagt, dass Seneca (ad Lucilium, LXXXIV) sagt, dass Vergil (Aeneis, I, 432) sagt, weil Platon (Ion, 534a) sagt, wie Angelo Poliziano (Oratio super Fabio Quintiliano et Statii Sylvis) sagt, dass Lukrez (De rerum natura, III, 11) sagt, wenn er Epikur lobt, und [...] Auf der anderen Seite ist in der griechischen Mythologie Aristaios, Sohn der Kyrene und des Apoll, unter anderem der Lehrmeister der Honiggewinnung und Bienenzucht, zugleich indirekt verantwortlich für den Tod der Eurydike, der den Tod des Orpheus nach sich zieht. Auf den Tod der Eurydike folgte ein Bienensterben, dass nur durch Sühneopfer rückgängig gemacht werden konnte. Das alles scheint zu bedeuten, dass für Schreibende der Unterscheid zwischen Zeidlerei und Imkerei nicht ganz bedeutungslos ist. Denn der Schreibende führt die Biene nicht nur als Wappentier, er ist selbst die Biene. Die Welt und die Bücher um uns sind alt wie die Pflanzen, es ist immer ein Tag und eine Gegenwart, in der wir uns zu den Blüten bewegen. Kurzlebig und langlebig. Was schließlich zwischen dem Nektarblatt und der wächsernen Zelle geschieht, das lässt sich meines Erachtens wiederum nur in Honig ausdrücken. In Firn, vielleicht. Aber Firn ist seinerseits ein ganzes Wappentier." (Tobias Roth)

 

In „Rundgang“ von Tobias Roth bewegen wir uns zwischen Ludwig Thoma und drei Spaziergängern, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Stadt und Land und Trudering und dem Münchner Ostbahnhof:

Rundgang

FILSER. Jetz wer i aba belzi. Was is denn fürkemma bei uns? Überhaupt's is des mei Freind und bal mir dischkrier'n, geht des neamd durchaus gar nix o. [...] Und um koa Minischteri bekümmer i mi durchaus gar nix.
Ludwig Thoma, Erster Klasse, Ende der fünften Szene

Es gibt keine Möglichkeit mehr, diese Fülle noch geradeaus zu berichten, mit einer Stimme, mit einem Handstreich. Es ist überhaupt gefährlich, von einer Erzählung auszugehen, wenn es beginnt zu sprechen. Die Zeit ist kein Tier wie andere auch. Beginnen wir also mit Anagnorisis und Peripetie. „Herr Ministerialrat ... des is ja der Herr Abgeordnete Filser.“, sagt der Zugführer zu Beginn der sechsten Szene in Ludwig Thomas Einakter Erster Klasse. Und damit bricht alles zusammen, alles kehrt sich um in dem Zugabteil aus Brettern, die die Welt bedeuten. Die emporgekommenen Herren aus dem Norden erkennen in dem bayerischen Bauern, der sie erst allein, dann mit seinem Kollegen durch lautstarke und derbe Scherze gequält hat, einen Abgeordneten, der sie allesamt steigen oder sinken lassen kann. Die Hierarchie wird erst von außen kenntlich gemacht. Mit einem Schlag und kurz vor Schluss wird allen Figuren ihr Ort zugewiesen, quer zum Habitus. An dieser Stelle des Stücks tritt noch ein weiterer markanter Ortswechsel ein. Der Einakter beginnt an einem namenlosen Bahnhof, zu dem offenbar keine Ortschaft gehört, er endet nach sechs Szenen am Münchner Ostbahnhof. Der preußische Teil der Reisegesellschaft hatte sich bereits laufend mokiert, der Eilzug solle nicht so oft halten, vor allem nicht in Unterdingharting, Mitterdingharting, Oberdingharting und Hinterdingharting. Erst die Haltestelle zwischen Hinterdingharting und Ostbahnhof fällt heraus. Es ist der Ort, an dem das Stück in die faktische Geographie eintritt, an dem sich zugleich herausstellt, dass der unverschämte Bauer ein Abgeordneter ist. Der Zugführer schreit ihn zu Beginn der sechsten Szene aus: Trudering.

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Kurzvita und Publikationsliste

1985 in München geboren. Nach einem Auslandsaufenthalt Chartres und dem Abitur in München Studium der Deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft und der Kunstgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, sowie der Europäischen Literaturen an der Humboldt-Universität Berlin. 2008 Wissenschaftliche Hilfskraft am „Freiburg Institute for Advanced Studies“ (School of Literature and Language). Beginnend im Sommersemester 2012 Doktorand (Romanistische Literaturwissenschaft) an der Humboldt-Universität Berlin.

Während des Studiums in Freiburg von 2006 bis 2008 Mitarbeiter und Mitherausgeber einer Zeitschrift trotz Philosophie in Freiburg. Seit 2005 Mitglied in der „Gesellschaft zur Förderung von Design, Kunst und Kommunikation e.V.“ in Mainz. Seit 2007 Mitarbeiter bei www.klassik.com (CD- und Konzertkritiken, Interviews, Reportagen und Videocasts, von 2010 bis 2011 zudem Nachrichtenredakteur). Von 2009 bis 2011 Betreuung einer Seite mit Rezensionen zur zeitgenössischen Lyrik für die Berliner Literaturkritik. Rezensionen zu Musik und Literatur sowie freie Essays erscheinen regelmäßig in Onlinefeuilletons wie www.fixpoetry.com und www.titel-magazin.de, sowie in der Süddeutschen Zeitung.

Regelmäßige Veröffentlichungen literarischer Texte in Anthologien und Zeitschriften. Neben Auftritten auf PoetrySlams, Lesebühnen und Literaturfestivals auch Veranstaltung eigener Formate, unter anderem gemeinsam mit Christoph Medicus die Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe Betakontext (Galerie F-I-T, Berlin/Mitte, 1.-20. August 2009, www.betakontext.de). Seit 2011 Herausgeber der Berliner Renaissancemitteilungen. 2007, 2009 und 2011 wurden Texte im internationalen Essay-Wettbewerb der Goethe- Gesellschaft in Weimar ausgezeichnet, der Einakter Matroska (Gemeinschaftsarbeit mit Monika Koncz) erhielt 2008 den 2. Platz des Paula-Rombach-Preises. 2010 Stipendiat des Mannheimer Mozartsommers, Nachwuchsautor der Literaturstiftung Bayern sowie Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin. 2011 Preis des Buchhandels beim poet|bewegt in Chemnitz.

Publikationen in Zeitschriften und Anthologien (Auswahl)

Begegnung. Zeitschrift für Lyrikfreunde, hg.v. Christine Korntner / Gesellschaft der Lyrikfreunde, 27. Jhg., #134 Oktober 2007.

Alle schreiben Donau anders, hg.v. Gaby Blattl / Kulturgemeinschaft Der Kreis, Wien 2007.

Kalliope, hg.v. Ahmad Milad Karimi und Claudia Weise, 1. Jhg., #2 Juni 2008.

Allmende. Zeitschrift für Literatur, hg.v. Hansgeorg Schmidt-Bergmann, 29. Jhg., #83 Juni 2009.

Zeichen&Wunder. Zeitschrift für Lyrik, Prosa und Essays der Gegenwart, hg.v. Hubert Brunträger et al., 20. Jhg., #53 Juni 2009

außer.dem, hg.v. plot e.V. (Armin Steigenberger), #16 November 2009.

Goethe-Jahrbuch, hg.v. Werner Frick, Jochen Golz et al., #126 2009.

Literatur in Bayern, hg.v. Dietz-Rüdiger Moser u. Carolin Raffelsbauer, 26. Jhg. #101 September 2010.

außer.dem, hg.v. plot e.V. (Armin Steigenberger), #17 November 2010.

Jetzt. Texte zum Antho?-Logisch!-Literaturpreis 2010, hg.v. Marco Frohberger, Frankfurt a.M. 2010.

Bargfelder Bote, hg.v. Friedhelm Rathjen, #336-338 Januar 2011.

Macondo. Die Lust am Lesen. Hg.v. Petra Vesper u. Frank Schorneck, #24 März 2011.

Sprache im technischen Zeitalter. Hg.v. Norbert Miller u. Joachim Sartorius, 49. Jhg. #197 März 2011.

Ostragehege. Zeitschrift für Literatur, Kunst. Hg.v. Literarische Arena e.V. (Axel Helbig), 18. Jhg. #61 März 2011.

Literatur in Bayern, hg.v. Carolin Raffelsbauer und Gerd Holzheimer, 26. Jhg. #102/103 März 2011.

Literatur in Bayern, hg.v. Carolin Raffelsbauer und Gerd Holzheimer, 27. Jhg. #104 Juni 2011.

Sterz. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kulturpolitik, hg.v. Gernot Lauffer u. Hein Musker, #103 Juni 2011.

pb11. Anthologie zum poet|bewegt Wettbewerb für junge Literatur 2011, hg.v. Tom Schilling. Chemnitz 2011.

 

Kategorien Journal

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