Nachgefragt

Judith Bader, Leiterin der Städtischen Galerie und der Schule der Phantasie in Traunstein, im Gespräch.


Was bedeutet Stadt.Geschichte.Zukunft für Sie?

Das von STADTKULTUR Netzwerk Bayerischer Städte e.V. initiierte Festival sehe ich für Traunstein als eine Möglichkeit, sich mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in unserer Stadt mit Hilfe von einzelnen Projekten, die gezielt bestimmte Aspekte städtischer Lebenswirklichkeit aufgreifen, auseinander zu setzen. Wie wurde die Stadt zu dem, was sie ist? Welche Werte bestimmen unser Leben in der Stadt und wie wollen wir in Zukunft leben? Wichtig war mir, dass möglichst viele Menschen aktiv an den Projekten beteiligt sind, entweder als Aktive oder als aufmerksame Rezipienten. Denn ist es nicht so, dass die Identifikation mit dem Lebensraum Stadt wesentlich davon abhängt, ob sich der Einzelne als handelndes Subjekt mit Einfluss und Wert auf und für seine Umgebung empfindet?

Wie wurde diese notwendige Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensraum in Traunstein umgesetzt? Was fand statt?

Das Schulprojekt Fotobücher der Franz-von-Kohlbrenner-Mittelschule zeigt z.B., dass die Wahrnehmung von Jugendlichen oft ganz anderen Orten als dem offiziellen, auch touristischen Traunstein gilt. Nicht nur werden die Jugendlichen in ihrer Wirklichkeitswahrnehmung ernst genommen, - ihre Fotobücher waren es schließlich wert, finanziell vom Netzwerk STADTKULTUR gefördert zu werden und in einer Ausstellung gezeigt zu werden -, sondern auch die Repräsentanten der Stadt, die sog. Entscheidungsträger, werden durch die Fotos konfrontiert und müssen sich auseinandersetzen.

 
Seiten aus den Fotobüchern    

Ähnliches gilt für die Ausstellung „Die jungen Wilden“ in der Städtischen Galerie, wo Kinder und Jugendliche zeigen, was sie bewegt, was ihren Alltag ausmacht, wo sie Veränderungsbedarf sehen und wo ihnen tatsächlicher und geistiger Raum gegeben wird, Zukunftsperspektiven zu entwickeln.

  Ausstellung "Die jungen Wilden"
     

Es fanden also mehrere Projekte mit Schülerinnen und Schülern statt, gerade auch im Bereich der Bildenden Kunst. Was bedeutet für Sie kulturelle Bildung, insbesondere die künstlerische Bildung?

Eine große Abstraktionsleistung haben beispielsweise Schüler und Schülerinnen des Annette-Kolb-Gymnasiums in ihrem Projekt „Der Fluss im Rathaus“ vollbracht, indem sie das unsichtbare Wasserleitungssystem des Rathauses als Modell anfertigten und dadurch metaphorisch und indirekt über die Wege und den Informationsfluss im Rathaus nachgedacht haben und Andere zum Nachdenken anregen. Wünschenswert und die künstlerische Bildung fördernd ist es aus meiner Sicht, wenn die große Freiheit und Offenheit des künstlerischen Ausdrucks subjektiv als Wahrnehmungs- und Bewusstseinserweiterung erlebt werden kann. Dazu gehört auch der Respekt vor künstlerischen Leistungen, die ja sowohl gestalterische wie auch intellektuelle Leistungen sind. Kunst setzt Gedanken und Gefühle frei, die jenseits von Machbarkeit, Nützlichkeit und Rationalität, die Phantasie, die Einbildungskraft und den Möglichkeitssinn stärken. Die Schüler wurden von professionellen Künstlern beraten (Helmut Mühlbacher und Silke Witzsch) und dadurch mit Ausdrucksmöglichkeiten und Denkweisen in Kontakt gebracht, die ihnen ansonsten vielleicht fremd geblieben wären.


Der Fluss im Rathaus

Wie wurden die Projekte zum Festival Stadt.Geschichte.Zukunft in Traunstein aufgenommen?

Die Wahrnehmung der Projekte ist naturgemäß unterschiedlich gewesen. Soweit diese im öffentlichen Raum stattfinden, wie z.B. der „umwickelte Lindl“ und „Der Fluss im Rathaus“ werden auch Menschen mit Formen der Bildenden Kunst konfrontiert, die nicht zum klassischen Ausstellungspublikum gehören. Die Reaktionen auf die Lindl-Umwicklung waren gemischt, eine Schülergruppe hat dazu Interviews auf dem Stadtplatz gemacht, die lokalen Medien haben ausführlich berichtet, ein Leserbrief hat uns darauf hingewiesen, dass es eine Zeichnung des berühmten Malers Adolf von Menzel (1815-1905) vom „Lindl“ gibt. Das war ein bislang wenig bekanntes Detail der Stadtgeschichte, dem wir weiter nachgehen werden. Der Lindl ist ja eine Brunnenfigur aus der Renaissance. Zentral auf dem Stadtplatz gelegen, ist er zum Wahrzeichen der Stadt geworden. Indem der Künstler Christian Ecker diese Brunnenfigur mit buntfarbenen Mikrofasertüchern umwickelte, wurde die Aufmerksamkeit verstärkt auf die im Stadtalltag oft gar nicht mehr wahrgenommene Skulptur gelenkt, ihre Bedeutung hinterfragt und Geistes- und Kunstgeschichte erinnert; auf der anderen Seite hat sich dadurch eine Diskussion über Aufgabe und Wirkung zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum entwickelt, die an sich schon interessant ist.

Das von großem Publikumsinteresse begleitete Erzählcafè der Stadtbücherei mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten fand in der historischen Zieglerstube des ansässigen Heimathauses statt und rückte das gesprochene Wort und die individuelle Erinnerung ins Zentrum. Auch hier ging es darum, Wirklichkeit in seiner Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit lebendig werden zu lassen. Ich gehe fest davon aus, dass Geschichte und Gegenwart einer Stadt weit weniger aus eindeutigen Fakten bestehen, als gemeinhin angenommen, vielmehr prägt unsere Wahrnehmung ein vielschichtiges und variables System von subjektiven Empfindungen, Eindrücken und Interpretationen.

Sehr erfreulich war die Erfahrung, dass das Zusammenwirken ganz unterschiedlicher Gruppen wie örtliche Kultureinrichtungen, Schulen, Künstler, Lehrer, politische Vertreter, Verwaltung und lokale Medien gut funktioniert hat und für alle Beteiligten eine Bereicherung war.

Falls es gelungen ist, - und vieles spricht dafür-, dass mit den verschiedenen Veranstaltungen und Aktionen Kooperationen unterschiedlichster Gruppen, Diskussionen, ein Nachdenken und Erinnern bei der Traunsteiner Bevölkerung angeregt wurden, dann halte ich das Festival Stadt.Geschichte.Zukunft für gelungen.

Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Was wünschen sich die Traunsteiner für Ihre Stadt?

Teilhabe, Lebendigkeit, Identifikation und die Möglichkeiten aktiver Einflussnahme auf das Stadtgeschehen sind die nachhaltigen Ziele aller Projekte, die im Rahmen von Stadt.Geschichte.Zukunft in Traunstein stattfanden und ich glaube und hoffe, dass dies auch den Wünschen der Menschen entspricht. Bei den Kindern und Jugendlichen jedenfalls waren diese Wünsche und Ziele sehr deutlich.

Wohin geht in Ihren Augen eine traditionsreiche Kleinstadt wie Traunstein und welche Rolle sollten Kunst und Kultur dabei spielen?

Auch wenn der eine oder andere mit Veränderungen und visuellen Überraschungen vielleicht nicht so gut umgehen kann, Kunst und Kultur haben die Aufgabe, die Spielregeln der Gegenwart kritisch zu hinterfragen, Vergangenheit bewusst werden zu lassen und neue und andere Wege der Reflexion und der Wahrnehmung zu eröffnen. Tradition und lokale Geschichte sind sehr wichtig für das Selbstbild und das Selbstbewusstsein einer Stadt, aber um der Erstarrung und dem Abgleiten in leere Folklore entgegen zu wirken, muss dies lebendig gehalten werden. Kunst und Kultur sind dringend benötigte Gegengewichte gegen die starken Kräfte der Kommerzialisierung und Trivialisierung aller Lebensbereiche.

 

Das Gespräch führte Lisa Hauke.

 

Kategorien Journal

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